Bergisches Original oder Stadtstreicher ?

Husch-Husch

Wuppertaler "Clochard" der dreißiger Jahre Mit dem Hausiererladen im Margarinekarton

 Dies soll ein kleines literarisches Denkmal sein für einen berühmten Wuppertaler,dessen Standbild  am Alten Markt heute noch fehlt. In den 30er Jahren war er der König der bergischen Originale, de­ren Absonderlichkeit und Kuriosität die bekannte bergische Eigenwilligkeit noch weit übertraf. Husch Husch em Wolbernbusch", der wie ein Naturbursche aussah, wurde von vielen Wuppertalern heimlich geliebt. Für sie war er Waldgeist und Schäfer, Wildling und Buschmann. Andere mochten ihn nicht.Er paßte nicht in das zu jener Zeit propagierte Menschenbild. Ohne festen Wohnsitz war er genau das, was die Pariser einen  „ Clochard   nennen.

Viele möchten ihn heute als "den ersten Gammler" abstempeln ( Gassenjunge, junger Herumtreiber; engl. "gamble" in Spielhöllen spielen); dieser Schimpfname paßte jedoch nicht zu ihm, denn er verdiente sein tägliches Brot wenigstens zum Teil durch einen Kleinhandel aus einem Margarinekarton, den er sein "Geschäft' nannte. Daneben hatte er viele Freunde, die ihn großherzig beschenkten. Trotzdem hat man ihm eines Tages aus dieser Existenzweise einen Strick drehen wollen; man machte ihm wegen "Bettelei" den Prozeß.

Husch Husch etwa gleichaltrig mit seinem "Füh­rer" (laut rief er oft: "Wir brauchen keinen Führer!" und sprach dann leise vor sich hin: "einen haben wir ja schon!"). Was seinen Spitznamen betrifft, so können wir ihm äußerlich ähnelnde Leute "Husch Husch" nennen. Sollten wir nicht ein wenig Toleranz rückwirkend auch Husch Husch gegenüber walten lassen?

Wie kam dieser Mann zu seinem eigenartigen Namen? Vielleicht war es die laut nachahmende Bezeichnung für seine ruhigen, lautlos gleitenden Schritte. Denn so zog er damals, seinen Karton unter dem Arm, "hausierend" als Hausierer "van Hus tu Hus". Kinder stellten ihm nach und schrien ihm neckend den Lockruf nach "Hasch mich! Husch Husch!"

Neben dem Spitznamen Husch Husch kennt kaum einer den bürgerlichen Namen. Viele geben Peter Held als wirklichen Namen an, denn auf diesen Namen haben ihm die staatlichen Behörden der 30er Jahre einen Ausweis ausgestellt, ohne den er damals nicht einmal existent gewesen wäre geschweige denn ein "Geschäft" hätte führen dürfen. Fest steht aber, daß er vorher viele Jahre hindurch keine Papiere besaß. Andere behaupten, sein wirklicher Name sei Peter Hausmann gewesen, andere kannten ihn nur als Pitter.Mit dem bergischen Vornamen "Pitter" wurde er denn auch am liebsten angesprochen..Pitter ist im Bergischen Lande der Erstname für alle, deren Namen man nicht genau kennt.Husch Husch wollte wohl mit seiner Familie nichts mehr zu tun haben ' wollte sie aber auch durch die Preisgabe seines Geburtsnamens nicht kränken. Nach Berichten vieler soll er der Sohn einer Pastorenfamilie und Bruder eines ehemals berühmten HNO Arztes gewesen sein. Andere wollen wissen, er habe vor dem Ersten Weltkrieg schon in einem Fachwerkhaus in Elberteld zwischen Flensburger Straße und Exerzierplatz gelebt, gemeinsam mit Angehörigen.Dumm war er nicht, unser Pitter", obwohl seine Sprache so schäbig und urwüchsig war wie seine Kleidung, Er liebte Kultur, aber er verachtete Zivilisation. "Europas übertünchte Höflichkeit" war nichts für ihn. Er haßte Autoritäten: "Blos mek om Kopp, Pannasch!" rief er den Polizisten zu und schlug sich seitwärts in die Büsche. Dort, am "Kuhweg" auf dem Rott in Barmen, soll er in Sommernächten geschlafen haben. Auch von den Steinbrüchen bei Laaken ist die Rede.In Oberbarmen

Augenzeugen berichten, daß er im Winter oft an den Kalk­öfen in Wülfrath schlief. Aber er hatte auch Freunde hier in der Stadt, zum Beis el in Oberbarmen. Dort schfoß ihn die Rittershauser Bahnhofs­wirtin spät abends im Warte­saal ein und weckte ihn mor­gens mit einer Tasse Kaffee.

Bergische Toleranz hat ihn geneckt und geliebt. Sie hätte ihm niemals ein Haar ge­krümmt. Und doch sollte ihn hier sein "Schicksal" ereilen. Husch Husch trug "Krieg und Frieden" in den Falten seines weiten, schleppenden Mantels. Kinder und Erwachsene konn­ten nehmen, was sie wollten'. Ließ man ihn in Frieden, war er der gutmütigste Mensch, beschimpfte man ihn, dann konnte er zur Furie werden. Dieser Wesenszug wurde ihm zum Verhängnis.

Gefährliche Dame

Der Frau des braunen Wup­pertaler Polizeipräsidenten, die ihn an der Tür beschimpf­te, statt ihm von seinen Kurz­waren etwas abzukaufen, schrieb er prompt einen Brief, in welchem er sie eine Dirne nannte. In der Tat hatte diese "Dame" eine höchst unrühmli­che Vergangenheit, und sie nahm es auch während ihrer Ehe nicht so genau. Von nun ab aber war der Pitter seines Lebens nicht mehr sicher.

Husch Husch hatte ein ge­störtes Verhältnis zu den Frauen. Mütterliche Wesen hat er nie beleidigt. Alle ande­ren aber waren für ihn su­spekt. Die Untreue eines von ihm sehr geliebten Mädchens (einige sprechen sogar von einer Verlobten) soll ihn schon in jungen Jahren auf die "schiefe Bahn" gebracht ha­ben. Nun war es eine "untreue Frau", die ihn aus Haß gern hinter Gittern gesehen hätte.

Es soll bald nach der Kri­stallnacht geschehen sein: Fa­natische Apostel von "Sauber­keit im Staate", pervertierte Puritaner stellten ihm die Fal­le, in die er laufen mußte und entlockten ihm "staatszerset­zende" Reden. Da konnten sie ihn packen. Seine Häscher schleppten ihn heimlich ins Polizeigefängnis des Präsidiums. Dort wurde er vor Zeu­gen "sonderbehandelt", "ent­laust!' und gebadet. Sie schaff­ten ihn beiseite in eine An­stalt, die er lebend nie wieder verlassen sollte.

Lebendige Erinnerung

Zahllose Hinweise und Ge­spräche haben zu diesem Be­richt über Husch Husch ge­führt, den "König der bergi­schen Originale", wie die einen sagen, den "primitiven Stadt­streicher", wie andere meinen. Es ist wie bei einer Münze: Man sollte auch einen Men­schen von allen Seiten be­trachten.

Fest steht, daß Husch ­Husch auch heute noch in vie­len bergischen Anekdoten auf­taucht, daß teilweise erfunde­ne Lebensdaten über ihn in Umlauf sind, daß aber ande­rerseits viele echte und tref­fende Geschichten über ihn erzählt werden, nach denen man das Bild eines Menschen zeichnen kann, der zur leben­digen Erinnerung gehört; sein Leben ist Teil der Geschichte unserer bergischen Heimat.

M. A. J. Bönner